Jod - Für die Gesundheit von Mutter und Kind

Eine Information für Eltern
verfaßt von Herrn Prof. Dr. med. H. G. Bohnet, Hamburg


Deutschland ist, wie viele andere Länder der Erde, ein ausgesprochenes Jodmangelgebiet. Hauptursache für den weitverbreiteten Jodmangel ist der geringe Jodgehalt unserer Böden, da der Großteil des Jods im Verlauf der geologischen Entwicklung aus den Böden ausgewaschen und in die Meere gespült wurde.

Diese Information möchte Sie über die Bedeutung des Spurenelements Jod und die Wichtigkeit einer ausreichenden Jodzufuhr insbesondere in Schwangerschaft und Stillzeit informieren. Anschließend werden Sie erfahren, was Sie selbst für eine optimale Jodversorgung tun können und wie Sie der Volkskrankheit Kropf bei sich und Ihren Kindern vorbeugen können.


Inhalt

1. WOFÜR BRAUCHT DER MENSCH JOD?

2. WIE HOCH IST DER JODBEDARF?

3. WARUM BESTEHT JODMANGEL UND WIE HOCH IST DAS TÄGLICHE JODDEFIZIT?

4. WARUM BENÖTIGEN SCHWANGERE UND STILLENDE MEHR JOD?

5. WAS PASSIERT BEI JODMANGEL?

6. DIE FOLGEN DER JODUNTERVERSORGUNG

7. WIE KANN DER JODMANGEL VERMIEDEN WERDEN?


1. WOFÜR BRAUCHT DER MENSCH JOD?

Jod ist für den Aufbau der lebensnotwendigen Schilddrüsenhormone unentbehrlich. Aus dem mit der Nahrung aufgenommenen Jod wird in der Schilddrüse Thyroxin und Trijodthyronin gebildet. Thyroxin (T4) enthält 4 Jodatome, Trijodthyronin (T3) wird mit 3 Jodatomen gebildet. Die Schilddrüsenhormone steuern wichtige Zellfunktionen im Körper und damit den gesamten Stoffwechsel. Daraus ist leicht zu erkennen, wie wichtig Schilddrüsenhormone insbesondere für das werdende Leben sind.


2. WIE HOCH IST DER JODBEDARF?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt pro Tag folgende Mengen Jod aufzunehmen:

Altersgruppe µg/Tag *

Säuglinge bis 11. Monat 50 - 80

Kinder 1 - 9 Jahre 100 - 140

Kinder ab 10 Jahre, Jugendliche und 180 - 200
Erwachsene

Schwangere 230

Stillende 260
* 1 µg (Mikrogramm) = 1 Millionstel Gramm


3. WARUM BESTEHT JODMANGEL UND WIE HOCH IST DAS TÄGLICHE JODDEFIZIT?

Der Jodmangel ist eine Folge der Entstehung unseres Lebensraumes. Nach der letzten Eiszeit wurde Jod vom Gletscherwasser aus den Böden herausgelöst und ins Meer geschwemmt. Deshalb sind unser Trinkwasser und unsere Nahrung jodarm. Lediglich Seefisch und andere Meeresfrüchte, z. B. manche Tangarten, enthalten viel Jod. Eine große Studie, die 1993/1994 in 32 Regionen Deutschlands durchgeführt wurde, ergab, daß die tatsächliche durchschnittliche Jodaufnahme mit ca. 70 µg/Tag erschreckend niedrig ist. Daraus ergibt sich ein durchschnittliches Joddefizit bei Jugendlichen und Erwachsenen von 120 - 130 µg Jod/Tag, bei Schwangeren und Stillenden erhöht sich das Joddefizit auf 170 - 190 µg/Tag.


4. WARUM BENÖTIGEN SCHWANGERE UND STILLENDE MEHR JOD?

Schwangere brauchen mehr Jod, weil der mütterliche Grundumsatz steigt, der Jodverteilungsraum sich vergrößert und über die Niere vermehrt Jod verloren geht. Auch wird die Produktion sogenannter Transporteiweiße gesteigert, die dann vermehrt T4 und T3 abbinden.

Ab dem 2. Schwangerschaftsdrittel kann sich das Ungeborene (der Fet) nicht mehr auf die Versorgung mit Schilddrüsenhormonen verlassen, da der Mutterkuchen eine zunehmende Barriere für T4 und T3 darstellt. Deshalb ist der Fet bereits ab der 12. Schwangerschaftswoche in der Lage, selbst Schilddrüsenhormone zu produzieren. Das hierfür nötige Jod erhält er über die Mutter. Ähnlich ist es nach der Geburt: der gestillte Säugling erhält Jod ausschließlich über die Muttermilch. Der Jodbedarf ist nur gedeckt, wenn die Mutter optimal mit Jod versorgt ist.


5. WAS PASSIERT BEI JODMANGEL?

Bei chronischem Jodmangel wird ein körpereigener Regulationsmechanismus in Gang gesetzt, der meist zu einer Vergrößerung der Schilddrüse führt, d. h. es kommt zur Kropfbildung. Da durch die Vergrößerung der Produktionsstätte der Schilddrüsenhormone ein gewisser Ausgleich geschaffen werden kann, liegen die T4 und T3 Blutspiegel anfangs meist im Normbereich, so daß der Kropf lange Zeit als "Schönheitsfehler" interpretiert wurde. Aber:

Der Kropf ist kein kosmetisches Problem, sondern ein alarmzeichen für Jodmangel!

Bei ausgeprägterem Jodmangel kommt es zu einem Anstieg des schilddrüsenstimulierenden Hormons (TSH). Kann die Schilddrüse, obwohl sie vermehrt durch TSH angefeuert wird, nicht mehr genügend T4 und T3 bilden, so ist eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) eingetreten.

Die unzureichende Jodversorgung drückt sich in folgenden Zahlen aus: Mindestens ¼ aller Frauen geht bereits mit einer vergrößerten Schilddrüse in die Schwangerschaft hinein. Dahinter verbirgt sich in etwa 1/6 eine unerkannte Schilddrüsenunterfunktion. Viele Frauen entwickeln allerdings erst im Laufe einer Schwangerschaft einen Kropf bzw. eine Hypothyreose, da der Jodbedarf in der Schwangerschaft ansteigt. Bei Raucherinnen bzw. Frauen, die erst nach Feststellung einer Schwangerschaft mit dem Rauchen aufgehört haben (aber auch bei Schwangeren, deren Ehemänner rauchen), ist die Kropfneigung besonders ausgeprägt, da durch das Rauchen Stoffe gebildet werden, die zu einer "Jodverwertungsstörung" führen.


6. DIE JODUNTERVERSORGUNG DES MÜTTERLICHEN UND KINDLICHEN ORGANISMUS HAT GRAVIERENDE FOLGEN

Die Größe der mütterlichen Schilddrüse verdoppelt sich bei etwa 2/3 aller Schwangeren.

Als Spätfolge entwickeln sich bei mehr als der Hälfte der Betroffenen Schilddrüsenknoten. Diese können dann im höheren Alter zu Schilddrüsenüberfunktion führen und müssen häufig operiert werden (Schilddrüsenoperationen stehen heute an 3. Stelle aller Operationen!)

Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kreislaufstörungen, Kälteempfindlichkeit und hartnäckige Verstopfungen können auf eine Schilddrüsenunterfunktion hinweisen, denn die Hypothyreosenrate erhöht sich auf über 1/3 im Verlauf der Schwangerschaft. Ein Mangel an Schilddrüsenhormonen bei der Mutter erhöht das Fehl- und Frühgeburtsrisiko. Entbindungen durch Kaiserschnitt sind häufiger. Bei Jodmangel kommt das Kind bereits mit einem Kropf zur Welt Eine Schilddrüsenunterfunktion beim Kind führt zu körperlichen und geistigen Entwicklungsstörungen, die Lungenreifung ist verzögert, der sogenannte Intelligenzquotient (IQ) ist vermindert


7. WIE KANN DER JODMANGEL VERMIEDEN WERDEN?

Als Basismaßnahme sollten Seefisch und Milch regelmäßig verzehrt werden. Jodiertes Speisesalz (Jodsalz), meist erkennbar an einer gelben Verpackung, wird im Lebensmittelhandel zum Kauf und zum freiwilligen Verzehr angeboten und sollte in keinem Haushalt fehlen. 10 g davon enthalten etwa 200 µg Jod. In der Tat nimmt ein Mann etwa 10 g, eine Frau ca. 8 g Kochsalz am Tag mit der Nahrung auf, so daß damit rein theoretisch der Jodbedarf gedeckt werden könnte. In der Praxis ist dies allerdings nicht gewährleistet, da insbesondere bei industriell hergestellten Nahrungsmitteln nicht generell Jodsalz verwendet wird, obwohl in Deutschland gesetzliche Voraussetzungen dies ermöglichen. Durch Lagerung, Aufkochen und Backen verflüchtigt sich ein Teil des in einer Speise enthaltenen Jods. Selbst bei dem jodreichsten Nahrungsmittel, dem Seefisch geht bei der Zubereitung ein Teil des enthaltenen Jods verloren. Wollten wir uns ausreichend mit Jod durch "natürliche" Ernährung versorgen, so müßten wir jeden Tag Meeresfrüchte essen, was wohl nicht einmal Küstenbewohner tun dürften. Das läßt folgenden Schluß zu:

Der tägliche Jodbedarf ist in Deutschland über die Nahrungsaufnahme praktisch nicht zu decken!

Um den besonders hohen Jodbedarf in Schwangerschaft und Stillzeit auszugleichen, empfiehlt der Arbeitskreis Jodmangel* (ein Gremium aus Ärzten und Ernährungswissenschaftlern) - neben der generellen Verwendung von Jodsalz - zusätzlich die Einnahme von 200 µg Jod in Form von Tabletten. Diese sogenannten Jodid-Tabletten enthalten das Jod als Kaliumsalz (Kalium-Jodid), wie es auch in Lebensmitteln vorkommt. Jodid-Tabletten sind rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich. In der empfohlenen Dosierung ist nicht mit Nebenwirkungen zu rechnen. Auch Allergien sind nicht zu befürchten.

*Arbeitskreis Jodmangel, Postfach 15 41, 64505 Groß-Gerau

Frauen die wegen eines Kropfes oder Schilddrüsenunterfunktion bereits vor Eintritt einer Schwangerschaft mit Schilddrüsenhormonpräparaten behandelt werden, sollten die Therapie in der Schwangerschaft fortsetzen. Zur ausreichenden Jodversorgung des Kindes sollten jedoch zusätzlich 200 µg Jodid eingenommen werden.

Zum Schluß ein allgemeiner Rat:

Geben Sie allen Ihren Kindern jeglichen Alters bzw. nehmen Sie selbst täglich eine Jod-Tablette zumindest an den Tagen, an denen kein Seefisch gegessen wird.

Wenn Sie weitere Fragen zum Thema "Jodmangel" haben, wenden Sie sich an den Arbeitskreis Jodmangel oder die Firma Merck KGaA, (Frankfurter Str. 250, 64271 Darmstadt), Tel. 06151/72-6151.